Seelsorge und Islam in Deutschland. Entwicklungen, Herausforderungen und Chancen

Erstveröffentlichung: Seelsorge und Islam in Deutschland. Entwicklungen, Herausforderungen und Chancen.

Georg Wenz u. Talat Kamran (Hrsg.), Speyer 2012, 152 Seiten
Preis 10,90€ zuzüglich Versandkosten

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Zur Information über das Buch
hier der Text der Einleitung von Talat Kamran und Georg Wenz

Das vorliegende Buch geht auf eine Reihe von Vorereignissen zurück. Genannt sei der vor einigen Jahren von der Bundeszentrale für politische Bildung initiierte Austausch von Pfarrerinnen und Pfarrern mit Imamen über die täglichen Aufgabenbereiche, aus dem sich die Frage der seelsorgerischen Begleitung herauskristallisierte. In diesen Gesprächen wurden Nähen im jeweiligen Selbstverständnis - auf religiöser Basis Halt zu geben, Trost zu spenden und Lebenskrisen konstruktiv zu begleiten - deutlich. Zugleich galt es terminologische Übersetzungsarbeit dort zu leisten, wo aufgrund der verschiedenen religiösen Traditionen voneinander abweichende Begründungsgänge des Beistandes sowie theologische Unterschiede im Menschenbild und im Gott-Mensch-Verhältnis auftraten. Insbesondere Fragen nach der Verletzbarkeit der Seele, der legitimen Klage gegenüber Gott und der Mittlerschaft zwischen Mensch und Gott respektive dem Stellvertretungsgedanken in seinen christlich konfessionellen Besonderheiten bedurften der theologischen Explikation.

Zwei tragische Begebenheiten sind als nächstes anzuführen. Ein schweres Zugunglück in Germersheim im Dezember 2007, bei dem drei türkische Jungen ums Leben kamen, sowie der Brand eines Wohnhauses in Ludwigshafen a. Rh. Anfang Februar 2008 mit neun Todesopfern bekräftigten den Bedarf an speziell ausgebildeten islamischen Krisenbetreuern. Sie werden in der Begleitung von muslimischen Hinterbliebenen und als Ansprechpartner der Einsatzkräfte vor Ort gebraucht. Ein Ausbildungsangebot bestand bis zu den tragischen Ereignissen jedoch noch nicht. Ähnlich gestaltete sich die Situation in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, in denen bis dato lediglich vereinzelt speziell ausgebildete muslimische Seelsorger und Seelsorgerinnen tätig waren.

Ein dritter Impuls geht auf die kirchlichen Seelsorgeangebote zurück, in denen die Betreuung und Erstversorgung von Muslimen eine wachsende Rolle spielt. Spezielle Angebote in der Notfallseelsorgefortbildung sind ein Ergebnis dieser Anforderungen. Der Einbezug von islamischen Betreuern und der Fachaustausch mit ihnen blieb dagegen bisher die Ausnahme.

Als viertes sei auf die Tagung „Wenn die Seele Leid erfährt“ in der Evangelischen Akademie der Pfalz im Juni 2010 verwiesen. Sie markierte den Abschluss einer zweieinhalbjährigen Ausbildung von islamischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern und öffnete zugleich den Diskurs hin zum Gesundheitswesen, zu den Kirchen und zu anderen Betreuungsdiensten und Kriseninterventionsträgern. Vorträge, die auf dieser Tagung gehalten wurden, bilden das Grundgerüst des vorliegenden Bandes. Sie werden ergänzt durch Beiträge, die Anforderungen an die seelsorgerische Ausbildung und Praxis reflektieren.
Aufbrüche gibt es zurzeit mehrere in islamischer Seelsorge. Insbesondere in der Notfallversorgung sind engagierte kooperative Programme angelaufen, von denen manche neben den Kirchen auch die Polizei, die Feuerwehr und Rettungsdienste einbeziehen. In der Krankenhausseelsorge hat das Gespräch mit den Kirchen und Kliniken über Status und Stellung eines islamischen Betreuungsdienstes begonnen. Vereinzelt sind Muslime bereits tätig.
Ausgehend von einer Bedarfsanalyse führte das Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog e.V. in Kooperation mit der Evangelischen Akademie der Pfalz und der Union muslimischer Theologen/innen und Islamwissenschaftler/innen e.V. von November 2008 bis Juni 2010 eine Ausbildung in islamischer Krankenhaus- und Notfallseelsorge durch. Ihr Konzept soll im Folgenden näher dargestellt werden, da es die Grundlage für die standardisierte Aus- und Fortbildungsarbeit des Mannheimer Instituts bildet, zu der die vorliegenden Artikel in Beziehung stehen.

Das „Mannheimer Modell“

Die ausschließlich muslimischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der beiden Kurse kamen aus den Großräumen Stuttgart, Rhein-Neckar, Rhein-Main und Rhein-Ruhr. In Anbetracht der künftigen seelsorgerischen Tätigkeit lag die vorgegebene Alterspanne zwischen Mitte zwanzig und Mitte fünfzig. Die meisten wiesen aus ihrem privaten Umfeld Erfahrungen in der unterstützenden und tröstenden Begleitung von Bekannten und Freunden vor, manche in der Sterbebegleitung und der Totenwaschung. Niemand war jedoch mit der „Klinischen Seelsorge“ oder mit der „Systemischen Seelsorge“ vertraut.

In beiden Ausbildungsgruppen nahmen mehr Frauen als Män¬ner teil. Bei der Auswahl der Kursteilnehmer wurde der Voranmeldeproportion von ca. 70% Frauen annähernd Rechnung getragen. Im Blick auf den künftig zu betreuenden Personenkreis wurde zudem auf eine Heterogenität der religiösen Prägung, der Herkunft und der Berufsfelder geachtet. So vereinte die Gruppe in sich die Herkunftsländer Ägypten, Bosnien, Deutschland, Mazedonien, Pakistan, Türkei und Tunesien. Die Auszubildenden arbeiteten als Hausfrau, Krankenschwester, Psychologin, Arzt, IT- oder Verwaltungs-Fachkraft, Imam und Erzieherin oder studierten Islamische Studien, Maschinenbau oder Medizin.

Beide Ausbildungsgänge waren in Anlehnung an die kirchlichen Curricula in zwölf Themenblöcken ausgearbeitet, die in je vier Blockseminaren durchgeführt wurden. Hinzu kam ein dreiwöchiges Klinikpraktikum sowie die bereits genannte Tagung, auf der muslimische und christliche Theologen miteinander und mit Vertretern und Vertreterinnen des Gesundheitswesens, der kirchlichen Seelsorge und anderer Notfallsysteme, mit klinischem Fachpersonal sowie den Kursteilnehmern und -teilnehmerinnen Wege einer künftigen Ausgestaltung islamischer seelsorgerischer Betreuungsangebote und ihre Einbindung in bestehende Versorgungsstrukturen diskutierten. Der Blick auf muslimische Besuchs- und Sozialdienste in europäischen Nachbarländern sowie in der Türkei gab zusätzliche Impulse für das künftige Selbstverständnis.

Bei den einzelnen Wochenendkursen ergänzte jeweils ein theologisches Kernthema zwei fachspezifische Workshops. Neben dem Schwerpunkt der seelsorgerischen Gesprächsführung bildeten religionsgeschichtliche, psychologische, juristische und organisatorische Themenfelder Bestandteile dieser Einheiten. In Ergänzung zur fachlichen Qualifikation wurden sie darüber hinaus auch als interreligiöse und interkulturelle Lernchance begriffen, bei der die existenzielle Dimension einer Vielzahl der Themen ihre dogmatisierende Vereinnahmung überwand.

Dem Ziel der Gesprächs- und Handlungsfähigkeit der Auszubildenden diente auch die Reflexion der eigenen religiösen Überzeugungen und Motivationen, da in diesen implizite Erwartungen an die Patienten ruhen. In einem langen Diskussionsprozess wurden Motivation und Begleitung miteinander in eine Beziehung gesetzt, die die spirituelle Dimension als wichtigen Teil der Seelsorge, nicht aber als deren ausschließliches Ziel benennt. Seelsorge, die sich an den Bedürfnissen und seelischen Belangen des Gegenübers orientiert und diese herauszufiltern und zu konkretisieren versucht, um aus der Analyse Wege des Heilwerdens der Person und ihrer Beziehungen zu Mitmenschen und zu Gott zu eröffnen, ist nach diesem Verständnis Lebenshilfe in der Reflexion und in der inneren Stärkung zugleich. Da dies nach islamischer Sicht letztlich nicht ohne Bezugnahme auf Gott respektive auf den Glauben an seine Gegenwart möglich ist, gehören die religiöse Auskunfts- und Handlungsfähigkeit elementar zur Person des Seelsorgers und der Seelsorgerin dazu. Es obliegt jedoch ihrer Gesprächseinschätzung, ob und an welcher Stelle religiöse Betrachtungsweisen und theologische Fragestellungen thematisiert, vertieft und zusammen mit den Gesprächspartnern Antworten für ihr eigenes Leben gefunden werden. Die aktive Hinführung zu einem künftigen gläubigen Lebenswandel wurde mehrheitlich nicht als vornehmliche Zielsetzung begriffen. Gleichwohl wurde darauf vertraut, dass der Einbezug der ganzen Person in die Seelsorge auch Auswirkungen auf das religiöse Selbstverständnis zeitigt. Klassischen islamischen Ansätzen der Sorge um die rechtgläubige Beziehung zu Gott wurde damit ein psychosozialer Aspekt zur Seite gestellt. Desweiteren eigneten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Kursen das nötige Wissen für die Durchführung der im Islam vorgeschriebenen individuellen wie kollektiven rituellen Handlungen an, um sie im Bedarfsfall vornehmen zu können.
Mit der Ausprägung einer reflektierten religiösen Sprachfähigkeit ist die Auseinandersetzung mit theologischen Fragestellungen verbunden. Ausgewählt wurden für die Kurse allgemeine Themen wie die Grundlegung der Sorge um den anderen in Koran und Sunna oder Themen, die für den seelsorgerischen Einsatz in Krisensituationen ein eingehendes Studium erfordern wie die Theodizeefrage, die Frage der situativen Interpretation überkommener religiöser Formeln wie „Geduld“ und „Gottesprüfung“ oder die Frage der Vorhersehung bzw. der Vorherbestimmung Gottes angesichts eines plötzlichen Unfall- oder Katastrophentods. Dass auch vermeintlich „selbstevidente“ und „unverfälschte“ Glaubensaussagen der theologischen Reflexion bedürfen, zeigte sich während des Gazakrieges Anfang 2009, als in einem Kurs am Beispiel der göttlichen Vorherbestimmung des Todeszeitpunktes die isolierte Betrachtung theologischer Lehrstücke hinterfragt wurde. Da ihrem äußerlichen Verstehen zu Folge die bei den Bombardierungen ums Leben Gekommenen zum selben Zeitpunkt auch ohne die Kriegshandlungen gestorben wären, eine Vorstellung, mit der sich die Anwesenden nicht zufrieden geben konnten, setzten sie sich theologisch mit der Beziehung von immanenter und transzendenter Ordnung, mit dem Verhältnis von kontingentem und intentional herbeigeführtem Ereignis und göttlicher Vorherbestimmung sowie mit der Frage nach menschlicher Schuld auseinander.

Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer führte die Durchdringung der Themen zu einem vertieften eigenständigen theologischen Arbeiten in der Form eingehender Literaturstudien, lokaler Gesprächsgruppen und der wissenschaftlichen Beschäftigung im Rahmen ihres Universitätsstudiums. Sie erwarben sich eine Grundsicherheit, die ihnen sowohl in Seelsorge- als auch in Vermittlungsgesprächen mit islamischen Einrichtungen über ihre Tätigkeit Aussagekraft verleiht. Diese reicht in der Seelsorgepraxis bis zur theologisch begründeten Kritik traditionalistischer Anschauungen und Verhaltensweisen, die im Einzelfall den Genesungs- oder Trauerprozess behindern wie die Eigenmedikation mittels überlieferter Hausmittel oder die Krankheitsbannung durch Amulette. In dieser Kompetenz sind die Absolventen auch als Multiplikatoren wahrzunehmen, die die professionalisierte Seelsorge in die islamische Kommunität hineintragen.

Zum Projekt gehörte von Beginn an die Auseinandersetzung mit einem Vorbehalt. Dessen Begründungsstruktur betrifft im Kern das islamische Konzept der Familie im Gegenüber zur institutionalisierten Seelsorge: Krankheit als einer göttlichen Prüfung korrespondiere die familiäre Pflege, die auch das psychische Wohl umfasse. Krankenbesuche oblägen darüber hinaus jedem Muslim, der in Kenntnis gesetzt ist. Und schließlich sei jeder einzelne allein für sein Seelenheil verantwortlich, eine (heils)vermittelnde Seelsorge schließe sich theologisch aus. In diesem Argument begegnet der eingangs genannte Vorbehalt, Seelsorge sei ein an die katholische Fundamentaltheologie gebundene christliche Einrichtung, deren Wirksamkeit ein dem Islam fremdes Amtsverständnis voraussetze. Zudem wird in der Gleichsetzung mit dem freundschaftlichen Krankenbesuch ihre Professionalität verkannt. Auch der familiäre Einwand wurde in der Diskussion der Teilnehmergruppe zurückgewiesen. Zwar komme der Familie eine relevante, manchmal gar eine unentbehrliche Rolle zu, doch dürfe sie nicht gegen die Person des Seelsorgers ausgespielt werden. Beide seien vielmehr in ein konstruktives Verhältnis zueinander zu setzen. Als Beispiel diente die Notfallseelsorge, in der die Erstbetreuung mit der Stabilisierung durch das soziale Netzwerk Hand in Hand gehe. Im Blick auf die Krankenseelsorge rekurrierte ein Teilnehmer auf die Lebenssituation von Muslimen in Deutschland, in der der Familienverbund teilweise aufgelöst sei. Eine andere Teilnehmerin widersprach der Konzentration auf die Familie, indem sie vor dem Hintergrund ihrer Praxiserfahrungen Bedürfnisse von Müttern schwer erkrankter Kinder mit Familienstrukturen und Rollenzuweisungen kontrastierte. Diese liefen Gefahr sowohl Selbstvorwürfe als auch externe Schuldzuweisungen zu verfestigen und die Mütter in ihren eigenen Ängsten und Sorgen allein zu lassen. In solchen Fällen würde die Entkoppelung von Krankheit und Schuld verhindert, die unterstützende Betreuung der Mütter sowie die Aufarbeitung der wirkenden Mechanismen blieben aus. Ein weiteres Gegenargument führt an die Grenzen familiärer Verantwortlichkeit überhaupt, unabhängig von ihrer religiösen Grundierung: Diese sind dort gezogen, wo innerfamiliäre Ordnungsprinzipien oder Gewaltanwendung selbst Teil der Erkrankungsursache sind.

Mit dem Einüben in Selbst- und Fremdwahrnehmungen sowie der Aneignung von Aspekten der in-terkulturellen Mediation waren schließlich Elemente interkulturellen Lernens in die Projektplanung aufgenommen. Am Beispiel des „Krankenzimmers als Ort interkultureller Begegnung und Konfliktmomente“ - sowohl im Blick auf das Verhältnis von Patient und medizinischem und pflegerischem Personal als auch auf die Zimmerbelegung – standen sprachliche, kulturelle und religiöse Themenstellungen im Fokus. Zumindest in der Anfangsphase ihrer Tätigkeit müssen die künftigen Seelsorger und Seelsorgerinnen damit rechnen, als Ansprech- und Auskunftspartner nach beiden Seiten hin Vermittlungsauf¬gaben zu übernehmen. Zugleich ist mit der interkulturellen Bildung der Grundstein für eine kooperative Seelsorge nach niederländischem Vorbild gelegt, bei der in gegenseitiger Absprache auch Personen betreut werden, die nicht der eigenen Religion oder Konfession angehören. Da de facto in der kirchlichen Seelsorge auch in hiesigen Kliniken und Notfallsituationen Nichtchristen betreut werden, bestehen auch in Deutschland bereits Erfahrungswerte für eine spätere interkulturelle und interreligiöse Zusammenarbeit. Zudem werden künftige interkulturelle und interreligiöse Fortbildungsangebote unter Einbezug islamischer Seelsorger und Seelsorgerinnen noch intensiver ihre Zielsetzungen verfolgen können.
Das vorliegende Buch greift Themenkomplexe aus dem Bereich Seelsorge und Islam in Deutschland auf. Das erste Kapitel widmet sich grundlegenden Fragen. Die Autoren erklären die Bedeutung, die Entstehung und die Verortung von Seelsorge in Judentum, Christentum und Islam, berichten über aktuell auftretende Herausforderungen und wagen einen Blick in die interkulturelle und interreligiöse Zukunft.

Peter Waldmann, Leiter des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz, entwirft im Rückgriff auf den Talmud ein Bild des Seelsorgers, der in seinem Handeln über das singuläre Tun hinaus einen Beitrag zur Heilung der Welt in ihrer Mangelhaftigkeit, in ihren Missverhältnissen und Dissonanzen leistet. In seinem Eintreten gegen Leiden entspricht der Seelsorger dem „Zaddik“, dem Gerechten, und damit neben dem Schriftgelehrten, dem „Talmid Chacham“, und dem „Chassid“, dem Frommen, einem der drei Typen idealer Frömmigkeit im Judentum. Das seelsorgerische Wirken als Mitwirken an der Verbesserung der Welt wird in der Kontrastierung zwischen dem kabbalistischen „Sohar“ als Buch des Gleichgewichts und organischen Zusammenhangs und der zerrütteten Welt deutlich.

Die Seelsorge hat nach dem Theologen und langjährigen Trauerbegleiter Klaus Onnasch im Christentum ihren Grund in der Liebe Gottes, wie sie in den Worten und Geschichten der Bibel zum Ausdruck kommt und in der Gegenwart von Menschen erlebt wird. Historisch schlägt er einen Bogen von den Anfängen des Christentums über das Mittelalter, die Reformation und die Psychotherapie zur Klinischen Seelsorge in den USA, nach deren Vorbild Seelsorge heute in Deutschland vorwiegend praktiziert wird. Anhand biblischer Erzählungen zeichnet er ein Bild der grundlegenden Aufgaben eines Seelsorgers und beschreibt die Herausforderungen, denen sich die Seelsorge gegenwärtig konfrontiert sieht. Als unabdingbar für die Zukunft sieht er die Einbeziehung neuer medizinischer, insbesondere neurobiologischer Forschungen in die Seelsorgekonzepte sowie die Zusammenarbeit zwischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern verschiedener Religionen.

Im Koran gibt es wie in der Bibel keine direkte Entsprechung des Begriffs „Seelsorge“. Weshalb sie dennoch zu den elementaren Glaubensvollzügen des Islam gehört, erklärt der Soziologe Ali Seyyar in seinem Beitrag. Vor dem Hintergrund von Überlieferungen des Propheten Mohammed sowie des Stufenmodells der seelischen Entfaltung im Sufismus skizziert er die klassische islamische Lehre der Seele als göttlicher immaterieller Eigenschaft, deren Sorge und Umsorgung dem Bemühen, die Beziehung zu Gott zu festigen, gilt. Der Seele oder auch dem „spirituellen Herzen“ stellt Seyyar das (tyrannische) Ego gegenüber, dessen negative Einflüsse abzuwehren sind. Islamische Seelsorge ist demnach der spirituellen Reinigung und Läuterung verpflichtet. Da zudem jeder gläubige Muslim von Gott dazu befähigt und berufen ist, soziale und geistige Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen zu übernehmen, ist die Sorge um die Seele in individueller wie in sozialer Hinsicht seit jeher Bestandteil islamischen Alltags. Ziel ist die gottgemäße Lebensführung, die den göttlichen Funken im Menschen zum Ausdruck bringt.

Der Islambeauftragte der Ev. Kirche der Pfalz, Georg Wenz, skizziert die Rahmenbedingungen für den Aufbau islamischer seelsorgerischer Strukturen in Deutschland und analysiert die rechtlichen Vorgaben und Spielräume, die Entwicklungspotenziale in der Praxis sowie die Herausforderungen für eine islamische Praktische Theologie, die die institutionalisierte Seelsorge mit sich bringt. Anhand der Diskussion um ihre Benennung weist er die verschiedenen Ebenen und Bedarfe auf, die in der Ausgestaltung islamisch lebensbegleitender Angebote liegen.

Matthias Mertins beleuchtet islamische Seelsorge aus Sicht eines katholischen Klinikseelsorgers. Vorab geht er auf Bewegungen im christlichen Seelsorgeverständnis ein, skizziert die gesellschaftlichen Veränderungen, mit denen sich die Kirchen und die christliche Seelsorge momentan konfrontiert sehen und mahnt, den spezifischen religiösen Sendungsauftrag in der Seelsorge nicht zu vernachlässigen. Beim Aufbau einer islamischen Seelsorge warnt er davor, christliche Konzepte vorschnell mit muslimischem Inhalt zu füllen. Er empfiehlt, unter einem neuen Begriff ein eigenes islamisches Profil zu entwickeln und dieses sowohl inhaltlich wie auch strukturell-organisatorisch auszugestalten. Auch führe die gegenwärtige (Selbst-)Beschränkung auf eine ehrenamtliche Betreuung bei gleichzeitiger Anlehnung an einen hauptamtlichen Anspruch zur Mehrfachüberforderung.

Nach den Basisreflexionen im ersten Teil wird im zweiten über die Ausbildung muslimischer Seelsorger sowie die Einbindung islamischer Betreuungsangebote in die bestehenden Strukturen nachgedacht. Es werden Qualitätsstandards und Leitlinien dargestellt sowie verschiedene Modelle der Ausbildung und der christlich-muslimischen Zusammenarbeit reflektiert.

Esnaf Begic von der Universität Osnabrück stellt den neu konzipierten Studiengang Islamische Theologie vor, zu dem auch islamische Seelsorge gehört. Er berichtet von einem Projekt der Weiterbildung für Imame, bei dem das Land Niedersachsen, islamische Vereine und Verbände sowie die Universität Osnabrück zusammenarbeiten. Einleitend kommentiert er kritisch die bisherige Integrationspolitik von Bund und Ländern, prangert Fehler auf islamischer Seite an, beleuchtet die verfassungsrechtliche Stellung und Institutionalisierung des Islams in Deutschland und gibt eigene Lösungsvorschläge für die Beheimatung des Islams in der deutschen Gesellschaft.

Um die Qualität in der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) sicherzustellen, haben in einer vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe initiierten Beratung Institutionen und Organisationen, die die PSNV in Deutschland anbieten, sowie Innenministerien und Senate der Bundesländer einheitliche Standards und Leitlinien beschlossen. Die in drei Konsensus-Konferenzen von 2008 bis 2010 ausgearbeiteten Ergebnisse fassen Jutta Helmerichs und Verena Blank-Gorki vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zusammen.

Den Folgeschritt vollzieht Raimar Kremer: Er stellt sich der Frage, wie eine islamische Notfallversorgung mit den gewachsenen Strukturen zusammenwirken kann. Dafür klärt er den Begriff Notfallseelsorge aus kirchlicher Sicht und listet die möglichen Betätigungsfelder von Notfallseelsorgerinnen und -seelsorgern auf. Vor dem Hintergrund seiner Tätigkeit am Seelsorgezentrum Friedberg der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau erläutert er potenzielle Ausbildungsinhalte einer islamischen Notfallseelsorge und untersucht verschiedene Modelle einer christlich-muslimischen Zusammenarbeit. Unter Abwägung der gegenwärtigen Bedingungen im Raum Frankfurt/M. plädiert er schließlich für die Nachalamierung islamischer Notfallbegleiter.
Ein Beispiel für eine Zusammenarbeit gibt Helmuth Weiß, Initiator und Vorsitzender der Gesellschaft für interkulturelle Seelsorge und Beratung e.V. In seinem Beitrag reflektiert er das Pilotprojekt „Islamische Seelsorge im Krankenhaus“ zur Ausbildung ehrenamtlicher muslimischer Seelsorgehelfer und -helferinnen. Er beschreibt den Entstehungsprozess und die ersten Treffen, erläutert anhand zweier Gesprächsprotokolle die Arbeitsweise in einem Kurs und formuliert abschließend Voraussetzungen und Kompetenzen, die für ein Lernen über Religionsgrenzen hinweg maßgeblich sind.

Das dritte Kapitel stellt den Bezug zur Praxis her. Drei Autorinnen und ein Autor werfen aus ihren Tätigkeitsfeldern den Blick auf den Klinikalltag. Sie reflektieren die aktuelle Situation, zeigen Problemfelder auf und stellen Handlungsansätze vor.

Nilgün Demirubuz, Gesundheitsmanagerin des MEDIAN Klinikums Bad Salzuflen, benennt konkrete interkulturelle Probleme aus dem Krankenhausalltag. Sie geht auf kulturelle Unterschiede im Umgang mit Schmerzen und Krankheit und ihren Konsequenzen bei der Behandlung ein, beschreibt Schwierigkeiten bei der Ausübung religiöser Pflichten und stellt Lösungsansätze für ein respektierendes Miteinander vor. Besonderen Handlungsbedarf sieht sie neben einer stärkeren interkulturellen Öffnung der Akut-Krankenhäuser besonders in der Überschreitung der Sprachbarriere. Sie kritisiert den Rückgriff auf Familienangehörige oder auf das Reinigungspersonal bei Verständigungsschwierigkeiten und fordert die Einstellung geschulter Dolmetscher im Gesundheitswesen.

Im Klinikum Ludwigshafen a. Rh. wurde dem Bedarf an hausinternen Dolmetschern bereits Rechnung getragen. Elke Lehnert, Abteilungsleiterin des dortigen Personalwesens, berichtet von dem Gewinn, den die Übersetzer für die Einrichtung bedeuten. Da jene über die medizinische Fachsprache verfügen und das laienmedizinische Verständnis von Patienten kennen, sind sie in der Lage, sowohl Fachtermini und Krankheitsbilder zu erläutern als auch Patientenfragen in einen fachlichen Sachverhalt zu stellen und zu konkretisieren.

Das Thema Sprache beschäftigt auch Mijo Ikic, Diplomtheologe und Klinikseelsorger, in seinem Artikel. Er berichtet von der Erleichterung von Patienten mit Migrationserfahrung, in ihrer Muttersprache von ihren Ängsten und Sorgen zu erzählen. In mehreren Thesen nennt er Bausteine für eine erfolgreiche Zukunft des interkulturellen Zusammenlebens. Aus einer allgemeinen kulturellen Sensibilität leitet er eine kultursensible Seelsorge ab. Diese baue auf folgender Grundkomponente auf: Es gilt, jeden Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen und zugleich als ein in Kulturstandards eingebettetes soziales Wesen wahrzunehmen und entsprechend je nach Person zu agieren.

Die unterschiedlichen Bezüge einer Person greift die evangelische Klinikseelsorgerin Sigrid Krauss auf. Ausgehend von systemischen Arbeitsweisen in Lebenshilfeangeboten fragt sie nach Ableitungen für die Seelsorge. Damit die systemische Praxis in der Seelsorge ihre volle Wirkung entfalten kann, benötigt es der Gesamtheit unterschiedlicher Herangehensweisen und Analyseergebnissen. So sind auch die konkreten individuellen, kollektiven und kontextuellen Herausforderungen, die die Ausübung der jeweiligen Religion mit sich bringen, einzubeziehen.

Das vorliegende Buch, wie auch die eingangs beschriebene Ausbildung, wären ohne Unterstützung nicht möglich gewesen. Unser Dank gilt an erster Stelle der „Ersten Deutschen Islamkonferenz“ und dem Bundesministerium des Innern, die beides umfangreich gefördert und begleitet haben. Großer Dank gilt auch der Georges-Anawati-Stiftung und der Dr. Buhmann-Stiftung, die durch ihre Förderung die Ausbildung mit ermöglichten. Allen, die darüber hinaus in deren Planung und Durchführung beteiligt waren, sei an dieser Stelle für ihr großes Engagement gedankt. Sie alle haben auch Anteil an der Entstehung dieses Buches. Besonderer Dank gilt Herrn Alfred Miess, der sich in unermüdlicher Weise in dem Gesamtprojekt „islamische Seelsorge“ engagiert. Allen Autoren und Autorinnen, die ihre Beiträge zur Verfügung gestellt haben, sei auf’s Herzlichste gedankt. Ebenso Frau Ivanka Steber, Frau Kerstin Overhage und Frau Diana Vögeli für ihre umfangreiche Mitwirkung während der vergangenen drei Jahre. Herrn Hohmann sei herzlich für die Covergestaltung und den Satz, Frau Laura Wenz für die kritische Durchsicht des Manuskripts und die Zusammenfassung der Artikel gedankt. Schließlich geht unser Dank für die gute Zusammenarbeit und die gewissenhafte Betreuung an den Evangelischen Presseverlag Pfalz, insbesondere an Herrn Martin Schuck.

Wir hoffen, dass das vorliegende Werk einen kleinen Beitrag zur Normalität einer pluralen Gesellschaft leisten kann.

Mannheim, Landau im Dezember 2011
Talat Kamran und Georg Wenz

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