Seelsorge in der Psychiatrie - Ein Fallbeispiel

Ein 17jähriger Jugendlicher aus Eritrea wurde wegen zwei Selbstmordversuchen in die Psychiatrie aufgenommen. Die islamische Seelsorgerin wurde gebeten mit ihm zu sprechen. Ihr erster Eindruck: Labiler Zustand, zitternd (mit den Beinen und Körper), innerlich unruhig. im Raum ständig hin und her schweifender Blick. Aber er war ansprechbar. Die Ärztin und  Psychiaterin war ebenfalls anwesend.

Die Ärztin hatte oft mit ihm in Deutsch gesprochen, aber keinen Zugang zu ihm finden können, obwohl er Deutsch versteht und spricht. Die islamische Seelsorgerin fand nun sofort jedoch Zugang, indem Sie  Arabisch mit ihm sprach, seine zweite Muttersprache, die Sprache seiner arabischen Mama. Als er die Seelsorgerin ihrem Hijab (Kopftuch) sah und sie ihn mit einem dem vertrauten "Salam alaikum" begrüßte hat, erwidert er, ein Muslim,  den Friedensgruß und war gleich offen mit ihr zu reden.  

Die Seelsorgerin stellte sich vor mit ihrem Namen, der Herkunft und ihrer Seelsorgeaufgabe vor, lud ihn dann zu einem Gespräch darüber ein, worüber er sprechen oder von sich erzählen möchte. So entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch auch über seinen Weg nach Deutschland und seine Familie, seinerseits ganz ohne Hemmungen, auch von Dingen, die von der Seelsorgerin nicht angesprochen worden waren. . Es tat ihm sichtlich gut in einer vertrauten Sprache und mit einer Schwester im Islam zu sprechen.

Im Verlauf des Gesprächs hat die Seelsorgerin ihn dann gefragt, wieso er im Krankenhaus sei? Für einen kurzen Moment war er ruhig. Die Ärztin bat ihn, den Grund zu nennen, worauf er diesen auch benannte. Die Seelsorgerin reagierte darauf erstaunt. Sie könne das nicht glauben, da er doch ein Muslim sei und wisse, dass es verboten ist, sich selbst zu töten. Sie zitierte ihm Ayas aus dem Koran, die das Verbot benennen. Ihm kamen Tränen in die Augen. Er schwieg, aber an seiner Reaktion wurde deutlich, dass er es wusste, dass es im Islam nicht erlaubt ist, sich selbst umzubringen. Stille trat ein. Die Seelsorgerin streichelte ihm den Rücken, machte ihm fühlbar, für ihn da zu sein. Das nahm er dankbar an. Sein Zittern ließ nach und er wurde ganz ruhig.

Das Gespräch wieder aufnehmend richtete die Seelsorgerin den Fokus  auf die Aufgabe jedes Menschen auf Erden und das Allah wisse, warum er hier auf der Erde ist: z.B. eine Familie zu gründen, vielleicht seine Kinder rechtzuleiten oder vielleicht etwas zu lernen, womit er anderen Menschen helfen könne. Er hat mit großem Interesse zugehört.

Zu diesem Thema hat die Seelsorgerin ihm dann eine Geschichte erzählt. "Ein Mann sei zu Omar ibn al-Khattab (2. Kalif) gegangen, weil es ihm gar nicht gut ging, nachdem seine Mutter gestorben war. Vom Leid darüber erfüllt sagte er zu Omar: "Wozu lebe ich denn auf dieser Erde?" Omar antwortete darauf: "Du bist auf der Erde, um viele gute Taten zu sammeln, um zu helfen, zu arbeiten, wie du deiner Mutter geholfen hast. …… Wenn du stirbst, kannst du keine guten Taten mehr sammeln. Allah weiß also, warum du hier bist und es hat einen Grund."

Diese Geschichte mit den Erlebnissen des Jugendlichen verbindend sagte die Seelsorgerin zu ihm: "Überlege noch einmal, wie bist du nach Deutschland gekommen? Es hat sicherlich einen Grund, warum du es geschafft hast! Konntest du dir vorstellen, dass du die Ärztin oder mich hier triffst?" Seine Antwort war "Nein." Die Seelsorgerin darauf: "Wie konntest du dich dazu entschließen, dich selbst zu töten? Allah hat einen Grund, warum er dich nach Deutschland schickte!" Der Jugendliche hatte dabei weit geöffnete Augen, atmete tief und sagt dann sichtbar nachdenklich und zufrieden nach einer Weile: "Darüber habe ich gar nicht nachgedacht."

Am Schluss des Gesprächs bedankte sich der Jugendliche bei der Seelsorgerin, fragte nach einem Koran und einem Gebetsteppich, sagte, er wolle seine Religion wieder stärker leben. Und er gab der Seelsorgerin das Versprechen, nie wieder einen Versuch zu unternehmen, sich selbst umzubringen.

Sein später geäußerter Wunsch nach Fahrrad, um mehr unternehmen zu können, konnte durch eine Spende erfüllt werden. Es geht ihm zwischenzeitlich gut und er hat die Psychiatrie verlassen.

Natürlich haben sich auch die Ärztin und die Seelsorgerin über das Patientengespräch ausgetauscht. Dich wichtigste Frage der Ärztin war: "Wie hast du das geschafft, dass er so ruhig wurde? Seit ich ihn ca. ein halbes Jahr betreue und mit ihm geredet habe, war er stets unruhig und hat nie so reagiert, wie bei dir." Die Seelsorgerin erklärte dies damit, dass sie mit ihm über seine Religion und in seiner zweiten Muttersprache Arabisch gesprochen habe. Dem Jugendlichen sei es leichter gefallen Arabisch zu sprechen und auch zu verstehen, was ihm beim doch fachlichen wie medizinischen Gespräch mit der Ärztin eher schwer gefallen wäre. Das ging bei ihm in dem einen Ohr rein und beim anderen Ohr raus. Die Ärztin sei aber sehr nett gewesen.

Fazit: Dieses Gespräch zeigt, dass es nicht nur wichtig ist, wie man mit Patientinnen und Patienten redet. Die gleiche Religion, ein ähnlicher kulturellen Hintergrund und die Muttersprache des Patienten bewirken sehr viel. Patientinnen und Patienten fühlen sich wohl mit ihrem Gegenüber, sind eher bereit sich zu für ein Gespräch über sie Belastendes zu öffnen und das, was ihnen gegeben wird annehmen. Auch Raum für Trauer und Stille, für Gefühle muss gegeben sein.

Aicha Seddiki

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